Grigorios Aggelidis

Wie Kinder und Jugendliche endlich wieder dauerhaft in den regulären Präsenzunterricht gehen können

Erinnern Sie sich noch an Ihre Schulzeit? Und vor allem daran, wie viel Sie aufholen mussten, wenn Sie mal zwei Wochen krank waren und deshalb im Unterricht gefehlt haben? Diese Berge an Aufschrieben, die Ihnen dann Freunde mitgebracht haben, damit Sie sich wieder auf den aktuellen Stand bringen konnten? Ein Albtraum, selbst wenn man nur daran zurück denkt.

Die Schülerinnen und Schüler sind gerade zwar nicht in der exakt selben Lage, aber einer ähnlichen. Denn wir sind uns inzwischen einig: Trotz dem bewundernswerten Einsatz von Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und unseren Kindern und Jugendlichen können Homeschooling und Wechselunterricht einen regulären Unterricht nicht ersetzen. Die Defizite wachsen, genauso wie die Schere zwischen den Kindern, deren Eltern mit ihnen lernen können und die die technischen Voraussetzungen für das Homeschooling haben und denen, die all dies nicht haben.

Beim Thema Schule geht um die Zukunftschancen unserer Kinder und Jugendlichen und um Zukunft unserer Gesellschaft, denn wenn ganze Jahrgänge massive Bildungslücken haben, hat das auch Konsequenzen für unser Land. Es geht darum, Schülerinnen und Schüler auf die Prüfungen, ihren weiteren beruflichen und akademischen Weg vorzubereiten. Aber es geht auch um den sozialen Aspekt und die Psyche, denn Kinder und Jugendliche brauchen für ihre gesunde Entwicklung den Kontakt zu den Gleichaltrigen. Zudem ist die Schule ein wichtiges Sicherheitsnetz: Wenn Mitschüler, Lehrerinnen und Lehrern und andere Betreuungs- und Vertrauenspersonen wieder regelmäßig Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen haben, können diese auch schneller Alarm schlagen, sollte Kindern Gewalt angetan oder sie missbraucht werden. Aus diesen Gründen können wir uns keine weiteren Homeschooling- und Wechselmodelle mehr leisten.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir geeignete Maßnahmen brauchen, um Schulschließungen zu verhindern. Wir müssen also das Infektionsgeschehen kontrollieren können, doch gerade jetzt bauen wir die wichtigste Infrastruktur dafür zurück: Immer mehr Testzentren schließen, weil nicht mehr so viele Tests benötigt werden. Wir öffnen immer mehr mit immer weniger Vorsichtsmaßnahmen - und das wird uns bald auf die Füße fallen, denn die vierte Welle kommt leider schon. Die Delta-Variante führt wieder steigenden Inzidenzzahlen - und dieses Mal sind die Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen doppelt so hoch wie in der Altersgruppe über 50 Jahren.

Dabei erkranken immer mehr Kinder und Jugendliche auch an dem sogenannten Long-Covid. Die besondere Herausforderung hier: Es ist es vor allem schwer, diese Folgekrankheit bei kleinen Kindern zu diagnostizieren, da sie die Symptome kaum erkennen, noch sich spezifisch äußern, wenn sie sie haben.

Wie schützen wir also unsere Kinder und Jugendlichen und sorgen dafür, dass sie dauerhaft wieder in den regulären Präsenzunterricht gehen können? Wir brauchen ein ganzes Maßnahmenpaket:

  • Wir brauchen regelmäßige, möglichst tägliche, Tests für die Kinder und Jugendlichen, denn bei ihnen zeigen sich selten Symptome, weshalb man anders fast keine Möglichkeit hat, Coronainfektionen zu erkennen.
  • Wir brauchen weiter eine Maskenpflicht in den Schulen, wobei mit den regelmäßigen Tests die Maskenpflicht am Sitzplatz wegfallen kann.
  • Wir brauchen Luftfilter für die Klassen, spätestens dann, wenn es wieder kalt und das permanente Lüften zur Qual wird.
  • Wir müssen Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren ein Impfangebot machen können.
  • Wir müssen einen Schutzwall um sie bauen, indem wir so viele Eltern wie möglich impfen.
  • Und wir müssen unserer Verantwortung gerecht werden: Wir alle haben es in der Hand, das Infektionsgeschehen zu kontrollieren, indem wir uns weiter diszipliniert an die AHA-Regeln halten und regelmäßig Tests machen. Nehmen wir auf die Kinder und Jugendlichen genauso Rücksicht wie am Anfang der Pandemie auf die Älteren.

 

Zudem müssen die Kinder und Jugendlichen jetzt intensiv gefördert werden, um die vergangenen eineinhalb Jahre, in denen sie viel zu oft nicht in die Schule konnten, aufzuholen. Eine Möglichkeit hierfür wäre das Kinderchancengeld, das aus drei Säulen besteht:

  • Einem Basisbetrag, auf den jedes Kind, egal wie viele im Haushalt sind, Anspruch hat.
  • Einem Flexibetrag, der u.a. abhängig vom elterlichen Einkommen ist aber auch Taschengeldjobs erlaubt.
  • Und einem Chancenpaket mit einem zeitgemäßen digitalen Zugang, durch den Kinder einen unbürokratischen Zugriff auf die Leistungen für Bildung und Teilhabe und zu Aufstiegschancen ohne jegliche Stigmatisierung erhalten.

 

Es darf nicht sein, dass die Zukunftschancen unserer Kinder und Jugendlichen leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Das meiste haben die Bundes- und Länderregierungen und die Kommunen in den Händen, doch auch wir alle können dazu beitragen, dass die Schulen wieder normal und vor allem dauerhaft öffnen können. Packen wir es gemeinsam an.