Grigorios Aggelidis

Isolation ist keine Dauerlösung

Sie sitzen allein in ihrem 16-Quadratmeter-Zimmer. Keine Besuche von Angehörigen, keine Gespräche mit anderen Menschen – das ist die Situation vieler Senioren zur Corona-Zeit. Isoliert zum Eigenschutz. Das Problem dabei ist: Niemand hat ältere Menschen gefragt, ob sie das so wollen.

Natürlich sind die Gesundheit und der Schutz vor der Ansteckung mit Corona gerade für ältere Menschen vorrangig. Das verlangt schon die Fürsorgepflicht von Heimbetreibern. Deshalb können auch ihre Freiheitsrechte eingeschränkt werden. Eine dauerhafte Isolation von Älteren und Lockerungen für alle anderen ist jedoch keine Lösung. Auch mit Blick auf ältere Menschen muss über einschränkende Maßnahmen immer wieder diskutiert wird: Denn ihre Sorgen dringen nur über Angehörige und Pfleger nach außen. Sie selbst sind meist nicht mehr in der Lage, diese lautstark mitzuteilen, wenn sie es überhaupt wollen.

Die Isolierung von Älteren ist eine Verletzung der Selbstbestimmtheit. Auch im Alter gibt es ein Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit. So formuliert der Deutsche Ethikrat: „Auch wenn es im Alter aufgrund von Einschränkungen und Krankheit immer mehr pflegerischer Unterstützungsleistung bedarf, steht die Selbstbestimmung des Menschen an erster Stelle.“ Das gilt auch zu Corona-Zeiten.

Klar, wir alle leben im Moment mit Einschränkungen unseres normalen Lebens. Das besondere an der Situation von Senioren ist aber: Das, was ihnen genommen wird, ist ihr komplettes bisschen Glück am Lebensende. Das, was die Qualität ihrer letzten Tage ausmacht. Alle drei Wochen ein Besuch der Tochter oder der Kontakt zum Enkelkind – viel anderes bleibt Senioren gerade in Pflegeheimen nicht.

Gesundheit aber ist vielfältig und umfassend definiert und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit. Die WHO definiert Gesundheit auch als geistiges Wohlbefinden des einzelnen. Daraus wäre abzuleiten, dass Besuche und Anwesenheit von Familie sowie Ausgang von Älteren zur Gesundheit beitragen.

Es ist dringend geboten zwischen den beiden Polen Selbstbestimmtheit im Alter und notwendiger Fürsorge einen Weg zu gehen, der Sicherheit vor Krankheit und Menschenwürde verbindet. Das, was schon in normalen Zeiten zu oft aus dem Blick gerät, ein würdiger Lebensabend, wird jetzt nahezu unmöglich. Immerhin müssen Sterbende nun in den meisten Fällen nicht mehr auf Sterbebegleitung von Angehörigen verzichten. Und zumindest andere Lockerungen sind im Gespräch und werden umgesetzt.

Was mich dabei aber stört ist, wie Politik sich derzeit aus der Verantwortung stiehlt. In Niedersachsen etwa wird inzwischen in einer neuen Verordnung formuliert, dass Lockerungen des generellen Besuchsverbots in Pflegeheimen möglich seien, wenn die Heime ein Hygienekonzept vorlegen. Wie genau sind diese Lockerungen zu verstehen, was ist erlaubt und was nicht? Angehörige von älteren Menschen warten auf genaue Regelungen – die werden zwar in Pressekonferenzen angepriesen, umgesetzt sind sie aber offenbar nicht.  

Klar ist doch: Die psychische und spirituelle Integrität eines zu pflegenden Menschen ist zu achten und das pflegerische Handeln danach auszurichten. Wie aber soll das ermöglicht werden, wenn ältere Menschen in Seniorenheimen ihr Zimmer nicht verlassen können und jeglicher Kontakt nach außen unterbunden wird?

Der Staat muss es schaffen die Erhaltung der Selbstbestimmtheit, der Würde und geistigen Gesundheit und dem Schutz vor Infektionen zu verbinden. Das ist mühsam, eventuell teuer. Mit Blick auf eine zweite Welle kann es aber nicht sein, dass wir alten Menschen den dringend notwendigen Kontakt komplett und dauerhaft verwehren. Pflegeheime und Pflegende brauchen bei dieser Aufgabe eine wirkungsvolle Unterstützung der Politik.

An guten Ideen mangelt es nicht. In Südkorea bekommen Menschen beim Betreten öffentlicher Gebäude eine „Desinfektionsdusche“, Hotelgäste erhalten ein Corona-Kit mit Handschuhen, Masken und Desinfektionsmitteln. Wäre das nicht übertragbar auf Altenheime? In den Niederlanden stellen Seniorenheime Besuchscontainer mit Plexiglasscheiben auf. Frankreich hat die Besuche in Pflegeheimen bereits für Familienangehörige gelockert. Schutzzonen in den Heimen oder Zeitkorridore für Besuche – auch das wären Ideen. Und auch für alleinlebende Senioren könnte man mit mehr Schutzausrüstung eine bessere Situation schaffen.

Klar, all diese Ideen werden vor allem von Heimen und Pflegenden umgesetzt. Politik muss aber unterstützen, Rahmenbedingungen schaffen und sinnvolle Wege aufzeigen. Denn eine dauerhafte Isolation von Älteren ist keine Alternative. Schon bei der Situation von Familien hat die Politik zu lange ein Denkverbot zugelassen, machen wir den gleichen Fehler nicht auch bei Senioren.