Grigorios Aggelidis

Ältere Menschen als Betrugsopfer - Warum wir jetzt handeln müssen und mehr darüber sprechen sollten

Am 15. Juni 2021 war der Welttag der Sensibilisierung für den Missbrauch älterer Menschen. Ein Thema, das bewegt und beklemmt zugleich. Denn es kann jeden treffen, und jeden, den man kennt. Denn Missbrauch ist vielfältig, er kann sehr leise sein, unbemerkt, für sehr lange Zeit.

Prof. Rolf D. Hirsch von der Universität Erlangen-Nürnberg unterscheidet dabei zwischen aktiver und passiver Vernachlässigung sowie Misshandlung: körperliche und psychische, finanzielle Ausbeutung sowie Einschränkung des freien Willens. Und dieses Problem wird immer größer.

Weltweit steigt der Missbrauch von älteren Menschen, nicht nur in Entwicklungs-, sondern auch in Industrieländern. Dennoch wird über das Thema kaum berichtet. Auch verlässliche Zahlen oder Schätzungen gibt es nur in ausgewählten Industrieländern - sie reichen von 1 % bis 10 %. Obwohl das wirkliche Ausmaß der Misshandlung älterer Menschen unbekannt ist, ist ihre soziale und moralische Bedeutung offensichtlich, denn wir werden zum einen immer älter und benötigen dadurch auch länger Hilfe und Pflege. Zum anderen steigt durch den demographischen Wandel die Zahl der Älteren stetig an. Wir müssen also gewährleisten, dass sich jeder im Alter schützen kann. Dazu bedarf es jedoch Maßnahmen, die weder vom Bund, noch von den Bundesländern wirklich in Angriff genommen werden.

In Deutschland steigt die Zahl der finanziell ausgebeuteten älteren Menschen. Seien es dreiste Telefonbetrüger oder der Missbrauch von Pflegevollmachten durch verschiedene Vertrauenspersonen - aber die Bundesregierung verschließt ihre Augen vor diesem Problem.

Dabei sind die Folgen für die Familien fatal: Haben die Betrüger erst mal die Vollmacht, werden die älteren Menschen von ihren Familien isoliert, die Vermögenswerte verschwinden. Meist sterben die Menschen dann einsam und arm, konnten ihren Lebensabend nicht mehr genießen und die Angehörigen sich nicht einmal richtig verabschieden.

Wir wurden durch die Arbeit von der Ordensschwester Bernadette aus dem Kloster St. Gabriel in Pullach, München, auf dieses Problem aufmerksam und haben mit ihr Kontakt aufgenommen. Sie beschäftigt dieses Thema, seit eine enge Freundin auf diese Weise einem Betrüger zum Opfer viel, hat ein Buch geschrieben und ist seitdem inoffizielle Anlaufstelle für diejenigen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Wir haben daraufhin nach mehreren parlamentarischen Initiativen 2020 als erste und bisher einzige Fraktion dieses Thema nachhaltig und gezielt adressiert und mit einer Öffentlichen Anhörung angemessen thematisiert.

Die Vertreterinnen und Vertreter der befragten Institutionen, wie dem Deutschen Institut für Menschenrechte, das Landeskriminalamt Berlin oder der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, waren sich dabei in einigen Punkten recht einig:

  • Wir sollten endlich wirklich die Situation erfassen: Es gibt aktuell noch keine aussagekräftige Erhebung über den Missbrauch älterer Menschen in Deutschland.
  • Wir brauchen umfassende Informationsmöglichkeiten für ältere Menschen, damit sie sich im Vorhinein schützen können: Nur wer weiß, wie Vollmachten ausgenutzt werden können und wer weiß, wie er oder sie sich selbst vor diesem Missbrauch schützen kann, der kann entsprechend handeln.
  • Und drittens: wir sollten offener mit diesem Thema umgehen, nicht nur mit den Telefonbetrügern, deren Methoden von Zeit zu Zeit in der Zeitung stehen. Sondern auch mit den Fällen, die im verborgenen, wenig beachteten Raum passieren. Denn wenn wir alle wissen, auf welche Warnzeichen wir achten müssen, dann können wir auch besser gegenseitig auf uns acht geben.

 

Die Bundesregierung muss endlich konkrete Maßnahmen ergreifen, um dieser vulnerable Gruppe besser zu schützen. Denn auch hier hat die Corona-Pandemie die Situation vieler Menschen verschlimmert, da die regelmäßigen Besuche von Angehörigen von vornherein oft nicht mehr möglich waren. Doch wie so oft kam das Problem nicht mit der Pandemie, es war vorher schon da. Und wir werden nicht zulassen, dass es unter dem Motto: „Pandemie zu Ende, Problem weg“ wieder in Vergessenheit gerät.

Wir brauchen jetzt bundesweit die aktuelle Datenlage und müssen entsprechend Anlauf- und Beratungsstellen aufbauen. Wir fordern Schulungs- und Präventionsprogramme, damit Menschen nicht eine weitreichende Pflegevollmacht unterschreiben, ohne sich der enormen Konsequenzen bewusst zu sein. Und das flächendeckend.

Denn wir wollen, dass wir alle würdevoll und geschützt alt werden können. Nicht mehr, und nicht weniger.